Jungbrunnen und Sündenpfuhl -
Eine kleine Kulturgeschichte des Badens und Schwimmens
Helmutheinz Welke
"Wasche deinen Kopf und bade" empfahl schon vor etwa 4000 Jahren das in Mesopotamien in Tontafeln
gravierte Gilgamesch-Epos.
Noch älter sind steinzeitliche Zeichnungen von Schwimmern, die sich ausgerechnet in Höhlen in der Wüste
Sahara finden. Baden und Schwimmen: Kulturtechniken, die zu allen Zeiten in allen Teilen der Erde eine gewisse,
mehr oder minder große Rolle gespielt haben.
Sie pflanzten sich als Exportartikel durch die frühen Hochkulturen fort.
So gelangte das Baden von den Ägyptern zu den Griechen, von dort zu den Römern, die es schließlich mit ihren Legionen
auch in unseren Raum brachten. Unter anderem in Trier und in Baden-Baden haben die Archäologen eindrucksvolle Zeugnisse
jener hochentwickelten Badekultur ans Licht geholt.
Indessen konnte sich seinerzeit nicht ein jeder ein solches Badeparadies leisten wie der römische Kaiser Hadrian,
der auf seinem Landgut etwa zehntausend Quadratmeter dafür geopfert hatte. In einem fast fünftausend Jahre alten
Königspalast im indischen Mohenjo Daro findet sich immerhin ein Hallenbad mit einem Becken in den Maßen 30 mal 60 Meter,
was heute einer Großstadt schon zur Ehre gereichen würde.
Aber auch die öffentlichen Bäder der Antike erreichten oft gigantische Ausmaße und waren besonders prächtig ausgestattet. Geschenke der Kaiser an ihr Volk.
Berühmt waren die römischen Caracalla-Thermen, die mehr als tausend Menschen Badevergnügen boten und gleichzeitig zum gesellschaftlichen und kulturellen
Treffpunkt wurden. Für viele finanziell weniger üppig ausgestattete Römer war dies die willkommene Abwechslung von der drangvollen Enge in ihren kleinen
und überbelegten Wohnungen.
Die Germanen lernten auch auf diesem Gebiet schnell von ihren neuen Nachbarn. Auch sie badeten gern und veranstalteten
Schwimmwettkämpfe. Letztere waren etwas Neues, denn Griechen und Römer hatten zwar das Schwimmen als Körperertüchtigung betrachtet
und auch bei der Erziehung der Jugend eingesetzt, allerdings den Katalog ihrer sportlichen Ambitionen nicht entsprechend erweitert.
Das Schwimmen kam deshalb bei den antiken Olympischen Spielen nicht vor.

Baden verboten
Der Zerfall des römischen Reiches bedeutete auch den Niedergang der hochentwickelten Badekultur.
Die Thermen verfielen, die Sittenlosigkeit hielt Einzug.
Im Mittelalter setzte das Christentum für das Abendland die Maßstäbe. Da war das Baden schon verdächtig,
weil es mit körperlicher Nacktheit verbunden war. Außerdem ging es den damaligen Moralaposteln eher um innere
Werte als um Äußerlichkeiten.
"Ein Bad im Monat ist gerade noch mit dem christlichen Glauben zu vereinen." meinte der Theologe Aurelius Augustinus.
In vielen Ordensregeln waren für die Mönche feste Badetermine festgelegt, oft nur zwei im Jahr, und im übrigen war
ihnen das Baden ohne ausdrückliche Erlaubnis des Abtes verboten!
Die Ritter gingen noch weiter. Ihr strenger Moralkodex sah darin eine Sittenlosigkeit ohne gleichen, obwohl sie
andererseits das Schwimmen als eine der sieben Behändigkeiten sehr schätzten. Diese Form der hygienischen
Enthaltsamkeit teilte sich vor allem über den Geruchssinn mit. Was für ein Erwachen muss das gewesen sein,
als sie auf ihren Kreuzzügen in den türkischen Bädern mit den betörenden Wohlgerüchen des Orients konfrontiert wurden.
Das Baden wurde abermals zum Exportartikel. Das Mitbringsel der Kreuzfahrer machte in ihrer Heimat schnell Furore.
Überall entstanden Badestuben, in denen nicht nur die Reinigung des Körpers vollzogen, sondern auch gegessen,
getrunken, getanzt und gespielt wurde.
Die Bäder genossen sogar Privilegien und wurden ähnlich den Kirchen zum Schutzraum,
in dem der Schuldner vor seinem Gläubiger sicher war.
Im Zuber kam man sich näher

Chef war hier der Bader, der seinen Kunden bei Bedarf auch die Haare schnitt, ihnen Zähne zog oder auch
Knochenbrüche behandelte. Im Laufe der Zeit entwickelte er sich auch zum Kuppler, denn wo anders als bei
ihm konnten sich in einer Ära der Prüderie Männer und Frauen so nahe kommen. Im Badezuber hockten sie splitternackt
beieinander, wobei nur die Damen durch besonderen Kopfputz die Anfänge einer Bademode erkennen ließen.
Das entsprach ganz den sinnesfreudigen Auffassungen des Mittelalters.
Von den Kanzeln wurde zwar arg dagegen gewettert doch die religiösen Eiferer vermochten das fröhliche Treiben in den Badehäusern nicht zu unterbinden.
Das schafften erst die großen Epidemien, die ganze Landstriche entvölkerten.
Pest und Syphilis, auch die extreme Verknappung und Verteuerung des Brennstoffs Holz machten dem Badewesen den Garaus.
Kultivierter Wohlgestank
Die öffentlichen Badestätten gerieten wieder in Verruf und wurden geschlossen. Die Abkehr war so vollkommen,
dass sich das Badewesen in sein Gegenteil verkehrte. In den Schulen wurden oft Jungen mit Ruten gezüchtigt,
weil sie sich im Wasser getummelt hatten. Die feine Welt entwickelte die Auffassung, dass nicht ordinäres Wasser
den Körper reinige, sondern die Kultur des Menschen, seine kostbare Kleidung.
Der Wohlgestank wurde wieder kultiviert. Um ihn zu unterdrücken, waren große Mengen starker Parfüme im Gebrauch.
Erst im Rokoko begannen die Menschen wieder zu Baden. Sehr verhalten zunächst, nicht zu häufig und wenn, dann in voller Montur.
Nacktheit war nun verpönt.
Im Zeitalter der Aufklärung richtete sich das Interesse auch wieder auf die beinahe verloren gegangene Technik des Schwimmens.
Im Jahre 1538 erscheint das erste Schwimmlehrbuch der Welt.
Das Baden kehrt wieder.

Es dauerte dann aber noch mehr als zweihundert Jahre, bis in Mitteleuropa die ersten öffentlichen Bäder seit der Römerzeit entstehen,
1760 in Paris,
1793 in Frankfurt am Main.
Das Baden bekommt wieder einen solchen Stellenwert, dass sich selbst Philosophen wie Georg Christoph Lichtenberg damit auseinandersetzen
und öffentlich die Frage stellen:
Warum hat Deutschland noch kein öffentliches Seebad ?
Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten, 1793 entsteht das erste in Heiligendamm bei Doberan,
vier Jahre später folgt Norderney....
Die Briten hatten zu dieser Zeit schon längst ihre Nobelbäder wie Brighton, Ramsgate oder Bath und damit
einen Exklusivtourismus für Betuchte ausgelöst. Ende des 18. Jahrhunderts wird das Schwimmen sogar als einer
der wichtigsten Bestandteile der Erziehung bezeichnet.
Die Erste Anleitung zum Selbstunterreicht erscheint.
Findige Zeitgenossen entwickeln dafür Zubehör wie Korkgürtel oder Angeln, mit deren Hilfe die
Ausbilder ihre Schützlinge vor dem Untergang bewahren. Aber auch durch Naturprodukte wie Schilfbündel
oder Rinderblasen gelingt es den weniger geübten Zeitgenossen, sich über Wasser zu halten.
Man genierte sich
Die alte Unbefangenheit gab es nicht mehr. Man genierte sich und verbarg sich deshalb vor den Blicken anderer.
Der Badekarren, in dem sich die Damen ungesehen ins Wasser schieben ließen, und stoffreiche Badekleidung waren
im Gebrauch.
Herr Goethe provozierte einen Skandal, als er anlässlich eines Aufenthalts in Darmstadt nackt in einem Teich badete.
Männer und Frauen gingen getrennt ins Wasser. Die größeren Anlagen hatten dafür separate Becken, die kleineren
behalfen sich mit verschiedenen Badezeiten.
In England entstanden die ersten Hallenbäder. Sehr verbreitet waren aber auch die Fluss- und Seenbäder.
Dazu baute man einen am Ufer befestigten Schwimmponton, in dessen Mitte ein vom Wasser durchströmter Metallkäfig
als Schwimmbecken eingesetzt war.
Große Anlagen dieser Art auf dem Rhein und der Alster in Hamburg waren noch im 20. Jahrhundert in Betrieb.
p.A. (demnächst als Jahrhundertfeier wieder an der Elbe zu sehen... )
Ein Zimmer nur zum Baden
Schon im 16. Jahrhundert verfügten einige Begüterte über ein spezielles Badezimmer. Doch das waren
Ausnahmen. Der größte Teil der Bevölkerung wohnte auch 400 Jahre später noch in so beengten Verhältnissen,
dass für Badezimmer kein Platz war. Zum Waschen stand ein aus Schüssel und Kanne bestehendes Waschgeschirr
zur Verfügung, und das Wasser wurde vom Brunnen oder von zentralen Zapfstellen geholt.
Selbst Kaiser Wilhelm I. musste in seinem Stadtschloss in Berlin auf die Annehmlichkeit eines Badezimmers
verzichten. Wenn Majestät zu baden geruhte, ließ sie sich vom benachbarten Hotel eine Badewanne bringen.
Mit der Körperhygiene war es darum nicht besonders gut bestellt. Politiker sorgten sich deshalb sehr um die
Verbesserung der Volksgesundheit.
"Sind nun die Reinlichkeit und die Hautpflege die wirksamsten Mittel zur Erhaltung der Gesundheit eines jeden
Menschen, so ist es nothwendig, jedem die Möglichkeit zu geben, sich solche verschaffen zu können " heißt es in
einem 1898 erschienen Beitrag, in dem den Städten und Gemeinden die Errichtung öffentlicher Badeanstalten nahe
gelegt wird.
"Schwimmbäder, Wannenbäder und Duschenbäder" sollten darin "verabreicht" werden.
"Jedem Deutschen wöchentlich ein Bad", lautete nun der Slogan.
Bis in die 1960iger Jahre gab es in Neheim eine Badeanstalt, die den meisten Einwohnern das fehlende
Badezimmer ersetzte.Sie befand sich in dem später abgebrochenen Feuerwehrgerätehaus zwischen der Karlstrasse
und der Schobbostrasse - derzeit Parkplatz - und bot Reinigungsbäder, medizinische Bäder und Kneippsche Anwendungen an.
Der Verwaltungsbericht der Stadt Neheim für das Jahr 1929 weist insgesamt fast 14 000 Besucher dieser Einrichtung
aus.
Jugendfrische giebt das Bad
Körperpflege, Sport, Medizin - kaum ein Aspekt, der für das Baden nicht von Bedeutung wäre.
Nicht zu vergessen die kultische Bedeutung, die rituelle Waschungen in vielen Kulturen hatten oder noch haben.
Oft wurden mit dem rein mechanischen Vorgang der Körperreinigung auch tiefergehende Bedeutungen verbunden, zum Beispiel
die Läuterung von Sünden, die Befreiung von physischen und psychischen Lasten.
Solche Vorstellungen gipfelten in dem sogenannten Jungbrunnen, ein Bad, mit dem man den unausweichlichen biologischen Prozess
des Alterns und Sterbens nicht nur aufhalten, sondern sogar umkehren konnte.
Obwohl ein solcher Vorgang zweifellos der Welt der Sagen und Märchen zuzuordnen ist, konnte man damit möglicherweise
doch manchen Skeptiker ins Bad locken und breiten Gesellschaftsschichten die Körperpflege nahe bringen.
Immerhin, ein Körnchen Wahrheit steckt darin, wenn um die Wende vom
19. zum 20. Jahrhundert an den Wänden der neuen Badeanstalten die alte Volksweisheit zu lesen war:
Jugendbrunnen Zauberthat
Ist nicht blosse Sage;
Jugendfrische giebt das Bad
Zaubernd alle Tage...
Unser besonderer Dank gilt Helmutheinz Welke, der die Genehmigung für die Veröffentlichung dieses Textes gab.
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